Gottéron-Blog

In Brust we trust

Vertrauen ist gut, Brust ist besser... In den neuen Gottéron-Torhüter Barry Brust darf und muss man Vertrauen haben. Zum Teil sogar Gottvertrauen. Bereits die ersten Saisonspiele der Drachen haben gezeigt, dass Barry Brust eine wahre Verstärkung für Freiburg-Gottéron und eine grossartige Attraktion für die Fans ist.

Wir schreiben die siebte Spielminute in der neuen Gottéron-Saison und Barry Brust setzt zu seinem ersten "Special" an. An der Bande lässt er einen Genfer aussteigen, verliert jedoch am zweiten Gegenspieler den Puck. Jeder "normale" Goalie würde nun schnellstmöglich zurück ins Tor eilen. Barry Brust nicht. Wie ein Verteidiger versucht er, den Puck im Zweikampf zurück zu gewinnen, fällt dabei auf den Latz und die Verteidiger hechten vor den verlassenen Kasten, um das erste Gegentor der jungen Saison zu verhindern. Kritiker würden nun zu einer Hasstirade ansetzen. Für mich gibt es nur eine Bemerkung: Grosses Kino! Einige Minuten später, nach der ersten Wahnsinnsparade, hallt es dann auch prompt durch die lautstarke BCF-Arena: "Barry, Barry, Barry".

Der grosse Teddybär im Gehäuse der Drachen scheint die Ruhe in Person zu sein. Er sieht aus wie einer, der keiner Fliege etwas zu Leide tun könnte. Aber der Schein trügt. Der Kanadier verfügt über einen überdimensional ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Wird ein Mitspieler überhart angegangen, dann packt er die Fäuste aus. Wird er selber angegangen, dann krallt er sich den Gegenspieler, frisst ihm den Kopf ab und spuckt diesen bis über die Landesgrenzen. Gewiss etwas übertrieben, zeugt jedoch von der Urgewalt Barry Brusts. In der Saison 2011/2012 wurde er in der DEL wegen eines Checks gegen den Kopf eines Gegenspielers für 8 Spiele gesperrt. Zur Erinnerung: Barry Brust ist Torhüter! Im lokalen Radiosender RadioFr. witzelte der Verteidiger Yannick Rathgeb am Gottéron-Day zu Recht, dass Brust wohl schon am ersten Wochenende sich einen Gegenspieler zur Brust nehmen werde. Dazu ist es "leider" in den Derbys gegen Servette und den SCB noch nicht gekommen.

Nun jedoch zum Wesentlichen. Barry Brust wird in der neuen Gottéron-Saison für das Team von enormer Wichtigkeit sein. Der kanadische Grizzly verleiht dem "gottéroischen" Spiel eine heroische Ruhe, die es seit Christobal Huet im St. Léonard nicht mehr gab. Bereits im ersten Heimspiel rettete der Kanadier dem French-Team mit zwei Big-Saves den Sieg. Klar ist:  Barry Brust wird im Verlauf der Saison den einen oder anderen Bock schiessen und für einiges Kopfschütteln sorgen. Das Vertrauen in ihn darf jedoch niemals verloren gehen, denn seine risikofreudige und spektakuläre Spielweise gehören zum Kanadier wie Freiburg-Gottéron zum Kanton Freiburg. Darum heisst das Motto, was auch komme: In Brust we trust.

Im Fan-Shop kann man übrigens ein T-Shirt mit dem Slogan "In Brust 33 we trust" kaufen.

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Carte Blanche #22

I de Feerie grüesse

Allegra!

            Tschantschas ti rumantsch?

Neneei, Schwizerdütsch.

            Aber Si händ "Allegra" gsäit!

Dä Maa z Scuol ùf ùm Dorfplatz het daas nid chene begrüüffe. Wysoo grüesse dii Rätoromanisch, we sis näy nid chii rede? I ha mier de as par Gedanke zùm Grüesse ùber Spraachgrenze ùberi gmacht.

Wäutschi, Italiener oder Amis grüesse tendenziell ùf de ganzi Wäut i iines Mueterspraach. Dütschi mengisch oo, aber Grüzzi köört mù o no gäär i de Schwytz. Ù englisches Hello isch as gäbigs Passpartu-Wort fùr di ganzi Wäut.

As git aber o dii (wy äbe di meischte Seisler), wo ging probiere, i de nationaale oder regionaale Spraache z grüesse. Hola z Spanie, Buongiorno oder Ciao oder Salve z Italie, Hello oder Hi z Auschtraalie, Bonjour im Wäutsche oder äbe Allegra im Bündnerlann.

Das cha mù ùs flexibùs Plus beziichne. Immerhin grüesse ja vor alùm dii Lütt i anderne Spraache, wo kinner Berüerigsängscht hii ù meerspraachig sy. Dii, wo sich nid vor ma Gschprääch mit Yyhiimische fǜrchte. Dasch doch schöön.

Ma chas aber o ùs Ǜberaapassig aaggùgge. Iini, wo defǜǜr soorget, dass Dütschschwytzer ùf Milano gaa ga schoppe, ùf Neuchâtel gaa ga stùdiere oder Fribourg-Gottéron d Tüüme trǜcke. Settig Überaapasser tüe o z Frybùrg prinzipieu Wäutsch grüesse. Drùm nää de o ging mee Frybùrg ùs wäutschi Stadt waar ù rede vo Fribourg. Zwee Tütschspraachigi rede hie mengisch minuttelang wäutsch zäme. Si meerke niit, dass es o iifacher geengi.

Bim Spaziere zwǜsche Tafersch ù Frybùrg grüesse fasch ali ùf Französisch. Aber hiit er o scho vom berüemte «wäutsche Gruessschock» köört? Das wot i no flingg verzöle.

Bi Ǜbiwüü begägnet a Jogger a Huuffne Spaziergänger. I ha mier aaggwaanet, dii ùf Tütsch z grüesse. Asch ja tütschspraachigs Gebiet.

Aber äbe: Da blybt de wäutsche Spaziergänger de Antwortgruess im Haus stecke: totaala Schockzueschtann! Ki Muggs chùnt ùs dem Muu ù de Blick giit flingg ùf d Sytta – irgendwoo i d Matta usi: «Ouououououou!»

Dä wäutsch Spaziergänger secklet itz awä hiim ù tuet sich d Ùùge uuswäsche. Är het ja graad de Bewyys erläbt, dass di legendehafte ù saagenùmwobene Singinois tatsächlich a iigeti Spraach hii! Vilicht ggùmpet er i d Chǜücha ù danket, dass er sy Gruess graad no im lötschte Moment het chene zrùgghäbe.

Ja, was wee ächtersch passiert, wen a seislertütscha ùn a französischa Gruess bi Ǜbiwüü ùfenann pralet wee?

De tschǜ! De wäutsch Spaziergänger wiis tǜǜf i sym Innere: Är het graad sich ù syni Wäut vor de germanisation ggrettet.

I gglùùbe, dä Grüessreflex siit vǜü uus ùber di Tütsche ù di Wäutsche z Frybùrg. Di einte passe sich aa, wyl si jaa nid wii uuffale. Di andere chii sich nid voorschtöle, dass es ùf der Wäut no a anderi Spraach git aus iines. Ouououououou!

Zùm Glǜck weicht sich daas hütt ging mee uuf.

Fortsetzung folgt...

Text: Christian Schmutz

Gottéron-Blog 

Grosse Vorfreude, schwierige Vorhersage

Nach der verpatzten letzten Saison ist für jeden Gottéron-Fan klar: diese Saison wird alles besser! Oder etwa doch nicht?

Freiburg-Gottéron ist vor der neuen Saison wie ein im Wald gefundenes Gewehr. Man weiss nicht, ob der Schuss nach vorne oder nach hinten los geht... Aber man weiss, das Gewehr ist geladen. Von Freudentaumel bis zu tiefgründiger Trauer liegt diese Saison bei den Drachen alles drin. In jedem Fall ist für Unterhaltung gesorgt. 

Hier drei mögliche Saisonverläufe: 

1. Freiburg-Gottéron kämpft bis zum Schluss um einen Playoff-Platz und schafft die Qualifikation in den letzten beiden Spielrunden. Im Viertelfinal werfen "les Dragons" wie in den Jahren 2008 und 2009 einen grossen Titelaspiranten aus dem Rennen. 

2. Freiburg-Gottéron spielt eine tolle Qualifikation und ist bereits einige Runden vor Schluss für die Playoffs qualifiziert. Im Viertelfinal oder spätestens Halbfinal geht eine ruhige und tolle Saison zu Ende. 

3. Freiburg-Gottéron verpatzt den Saisonstart, gerät in eine Negativspirale und bereits vor Weihnachten hängt der Haussegen gewaltig schief. Die Verantwortlichen reagieren und entlassen den Trainer sowie den Sportchef. Die Playoffs werden verpasst und die Drachen retten den Ligaerhalt erst in den Playouts. Zum Ende der Saison steht Gottéron vor einem Neubeginn. 

Eine realistische Vorhersage sieht wie folgt aus: Für die Mannschaft von Mark French liegt in der Qualifikation ein Platz zwischen dem 6. und 10. Rang drin. Der SCB, die ZSC Lions, der EV Zug, der HC Lugano und der HC Davos dürften einen Playoff-Platz vorreserviert haben und hinten stecken Ambri-Piotta und die Langnau Tigers im Tabellenkeller fest. Somit kämpfen Servette Genf, der HC Lausanne, die Kloten Flyers, der EHC Biel und Freiburg-Gottéron um die verbleibenden drei Plätze an der Sonne. 

Die Lehren der Playout-Saison

Sportchef Christian Dubé hat Konsequenzen aus der unterirdischen National League A Saison 2016/2017 gezogen und mit Reto Berra, Entschuldigung, ich meine natürlich Barry Brust, einen erfahrenen und starken Torhüter ins Tor der Freiburger gestellt. Auch die Defensive wurde mit dem norwegischen Nationalverteidiger und Duracell-Hasen Jonas Holøs verstärkt. 

Die Mannschaft 2017/2018 ist auf dem Papier erfahrener und kampfkräftiger als letzte Saison. Die neuen alten Drachen Tristan Vauclair und Laurent Meunier dürften mit ihrer Erfahrung und ihrer Leidenschaft Freiburg-Gottéron auf und neben dem Eis gut tun.  

Unter den Neuverpflichtungen hat einzig die Offensive gelitten. Gottéron spielt zum ersten Mal seit Jahren nur noch mit zwei ausländischen Stürmern. Zu Beginn der letzten Saison wurde Gottéron mit den drei Sturmduos Cervenka/Ritola, Bykov/Sprunger und Pouliot/Mauldin als eine der besten Offensiv-Mannschaften der Liga eingeschätzt. Die Geschichten um Pouliot, Ritola und Gustafson müssen hier nicht aufgewärmt werden. Trotz der Verpflichtung von Matthias Rossi, immer gut für 10 bis 13 Tore pro Saison, ist die Durchschlagskraft der St. Léonard-Truppe schwächer einzustufen, als zu Beginn der vergangenen Saison. Kaum auszudenken, wenn Topkräfte wie Sprunger, Cervenka, oder Birner ausfallen sollten. Die grössten Sorgenkinder dürften die dritte und vierte Linie darstellen. Es wird von den Herren Meunier, Neuenschwander, Vauclair und Co. unermüdliche Aufopferung brauchen, um die fehlenden spielerischen Möglichkeiten gegen besser besetzte Gegner wett zu machen. 

Interessant und entscheidend wird zudem die Handschrift des neuen Trainers sein. Der Erfolg der Drachen hängt in erster Linie davon ab, ob der Kanadier Mark French es schafft, aus Gottéron ein erfolgshungriges Team mit einem stabilen Defensivverhalten zu bilden. Nimmt das Trainer-Gespann French/Fedorchuk diese Hürde nicht, dann wird den Gottéron-Fans die Freude schnell vergehen. Eines ist klar wie Wasser: der Saisonstart war wohl noch nie so wichtig, wie in dieser Meisterschaft. 

Nur nebenbei: Vorhersagen sind den Gottéron-Fans in dieser Saison ein unnützes Übel. Die Experten der gesamtschweizerischen Eishockey-Szene werden die Freiburger nach der letzten Saison auf einem Playout-Platz einschätzen und im Hinterkopf der Gottéron-Fans gibt es wie vor jeder Meisterschaft sowieso nur eine Prognose: der Schweizermeistertitel!

Die Vorfreude ist gross. Allez Gottéron!

Carte Blanche #21

Wo gehöre ich hin?

Kürzlich war ich mit meiner Familie in den Ferien am Bodensee. Wir sind mit dem Fahrrad von Schaffhausen nach St. Gallen gefahren. Ich nahm mir vor, unterwegs mit den Leuten, die wir treffen würden, konsequent Senslerdeutsch zu sprechen. In Schaffhausen klappte es noch gut, eventuell auch, weil wir dort einen Studienfreund von mir trafen, den ich unregelmässig sehe. Mit ihm plauderte ich und ich fragte ihn auch, als was er sich bezeichne, nach 15 Jahren in Schaffhausen. Er sagte mir, dass er sich als Schaffhauser bezeichne. Ich überlegte daraufhin, als was ich mich eigentlich bezeichnen würde. 

Unterwegs sprach ich immer wieder mit Leuten und bemerkte zu meinem eigenen Erstaunen, dass ich automatisch den Dialekt änderte. Bin ich also im Grunde mehr Ostschweizer als Sensler?

Diese Frage beschäftigte mich.

Ich muss sagen, dass ich mich in der kurzen Zeit, in welcher ich mich in meiner Mutters Heimat bewegte, sehr zu Hause gefühlt habe. Dass dies vor allem mit dem Umstand zu tun hat, dass wir uns in den Ferien befanden, ist mir klar. Die Leute waren freundlich, aufgeschlossen, schlagfertig und sehr hilfsbereit. Sind das die Sensler auch?

Als im Sensebezirk wohnhafter und aufgewachsener „Ausländer“ (Vater Spanier, Mutter Ostschweizerin; wenn um unser Ländli eine Mauer stehen würde, wir wären sicher nicht reingekommen) erinnere ich mich an Begegnungen mit der im Bezirk eigenen Sprache, die mich zu Beginn verwirrten. Als ich in der 1.Klasse zur Schule ging und in den örtlichen Fussballclub eintrat, hat mir einer meiner Klassenkameraden gesagt, dass ich mit ihm „mitritte“ dürfe, falls meine Eltern mich nicht an den Auswärtsmatch fahren könnten. Die gehen mit dem Pferd an den Match?

Der Senslerdialekt hat einige wunderschöne Begriffe, die für Nicht-Sensler schwer zu verstehen sind. Macht mich die Fähigkeit, das Senslerdeutsch zu verstehen und zu sprechen (aber nicht schreiben zu können) zu einem Sensler? Oder gehört mehr dazu? Gehöre ich dazu? Will ich dazugehören? 

Die Sensler sind in meinen Augen ein zurückhaltendes Volk. Sie sind introvertiert, wollen es am liebsten allen recht machen, wollen keinen Ärger verursachen und bevorzugen die Faust im Sack.

Zuviel Nähe und Intimität wird vermieden. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass sich die Sensler extrem schwertun, jemanden als einen „Freund“ zu bezeichnen. Die Leute, die einem lieb und teuer sind, werden als „guter Kollege“ bezeichnet.

Es gehört sich nicht, jemanden nach seiner Meinung zu fragen.

Politische Diskussionen sind nicht unbedingt erwünscht. Der Sensler begegnet Politikern, die mit Sachwissen trumpfen eher mit Misstrauen. Wenn sich einer stammtischmässig verhält und dummes Zeugs schwafelt, wie Ruedi Vonlanthen diskriminierendes Gedankengut verbreitet, dann ist  „das einer von uns, der sich getraut zu sagen, was wir alle denken“. (Nur so kann ich es mir übrigens erklären, warum Vonlanthen immer wieder als Grossrat bestätigt wird).

Wenn mein Gegenüber meine Sicht auf die Welt nicht vertritt, dann wechsle ich lieber das Thema als dass ich einen rhetorischen Kampf ausfechte und mich als Stänkerer zeige.

Der Sensler ist in mehreren Vereinen aktiv, macht im Dorfleben mit, beschränkt seine Aktivitäten aber mit Vorliebe auf sein Dorf und kultiviert eine gesunde Rivalität mit den Nachbardörfern, was ihn eigentlich wiederum sehr sympathisch macht.

Das Lebensziel vieler Sensler scheint es zu sein, um keinen Preis aufzufallen, niemanden zu beleidigen und schön angepasst zu sein.

Erkenne ich mich in diesen Beschreibungen wieder? Nein. Ist mein Beschrieb nur auf die Sensler zutreffend? Nein, die Beschreibungen treffen wohl auf einen grossen Teil der Schweizer zu. Die Schweizer generell sind wohl so, wie ich es beschrieben habe.

Wo gehöre ich hin? 

Ich gehöre hier hin. Meine Familie lebt hier, meine Freunde sind hier, ich darf hier arbeiten. Ich liebe den Sensebezirk.

Ich bin Sensler, ich bin Freiburger. Ich könnte mir aktuell nicht vorstellen, Gottéron nur aus der Ferne unterstützen zu können, ich mag das Bier der Freiburger Biermanufaktur mehr als das Schützengarten in St. Gallen.

Ich bin gerne Sensler. Ich fühle mich wohl im Sensebezirk. Die Sense ist ein wunderschöner Erholungsort.

Im Sensebezirk schaut man zueinander. Man trägt Sorge zueinander. Die Hilfsbereitschaft untereinander ist gross. Die Solidarität unter den Senslern ist exemplarisch. 

Der Sensler ist treu. Er steht zu einem, in guten wie in schlechten Zeiten. Im Sensler Freundeskreis wird auch ein Querkopf geduldet.

Der Sensler ist ein guter Schlag Holz, auch wenn er in meinen Augen einige Dinge anders angehen dürfte, mit mehr Selbstvertrauen. 

Der Sensler ist witzig: Wenn ich mir die Momente überlege, die ich mit meiner Familie und meinen Freunden verbringe, fällt mir auf, dass wir sehr oft und herzhaft Lachen. Das tut gut.

Wer eine Viertelstunde Zeit hat, der soll sich doch die Rede von Pedro Lenz von 2008  in Thun anhören. Er hat viele meiner Gedanken und Gefühle besser in Worte verpacken können als ich. Das Video ist hier zu finden: https://www.youtube.com/watch?v=Ci9obDr-sfQ.

Text: Benjamin Zurron

 

 

Carte Blanche #19 (2. Teil)

Auf den Vulkan und das Boot darfst du nicht!

Für die meisten Touristen in Sizilien gehört der Vulkan Ätna zum Standard-Reiseprogramm. Auch Yves Kilchör plante einen Ausflug ein. Die Bürokratie zerschlug dann aber seine Pläne.

Den ersten Teil der Geschichte findest du hier...

Nachdem mein Gepäck in Taormina auf Sizilien angekommen war (ich habe davon letzte Woche berichtet), war mein Sprachaufenthalt ein einziges, wunderschönes Erlebnis: Mit extrem lieben Menschen, mit guten und lustigen Lehrern und mit der Aussicht auf tolle Ausflüge neben der Schule. Zum Beispiel eine Bootsfahrt am Donnerstag und einen Ausflug auf den Vulkan Ätna, der ganz in der Nähe der Schule steht und Rauch in den Himmel speit.

Organisiert hat diese Ausflüge die Schule. Auch viele meiner neu gewonnenen Freunde hatten sich dafür angemeldet. Deshalb ging auch ich ins Büro, um mich für die Bootstour und für die Wanderung auf den Vulkan einzuschreiben. Daraufhin sagte man mir aber im Büro, sie wüssten noch nicht, ob ich da auch wirklich mitmachen könne. Vielleicht sei dies für mich als sehbehinderte Person nicht möglich. Ich versuchte zu erklären, dass ich in der Schweiz in den Bergen wandere, Ski fahre und sogar mit Gleitschirmen, Segelflugzeugen oder Ballonen mitging, dass ich Tandem fahre, ständig alleine in der Welt umherreise, für den Beruf oft alleine unterwegs bin und so weiter und so fort. Aber man sagte mir nur kurz und bündig, ich würde dann morgen erfahren, ob es möglich sei.

Die Nachricht kam am Folgetag aber nicht. Also sprach ich mit dem einen Lehrer, der in der Schule für die Ausflüge verantwortlich war und bei beiden Ausflügen auch dabei sein wird. Er meinte, ich könne selbstverständlich mitkommen. Es gebe nichts, dass dagegen spreche. Für den Bootsausflug am Nachmittag schrieb er mich ein, ich ging auf den Bootsausflug mit und wir erlebten einen schönen und problemlosen Nachmittag.

Am nächsten Tag erläuterte er mir in der Schule nochmals die Regeln für den Ausflug auf den Vulkan: Ich müsse mich an seinem Arm anhängen. Das war für mich aber nicht ein Müssen, sondern ein Dürfen, denn er war als Ätna-Kenner ein sicherer Führer und könnte mir sicher auch noch einiges erklären. Wir gingen nochmals die Packliste durch, machten für am nächsten Morgen ab und freuten uns auf den Ausflug. Auf jeden Fall ich.

Allerdings dauerte meine Freude nur noch ein paar Minuten. Danach hiess es, ich müsse ins Büro. Dort sagte man mir dann kurz und bündig: "Du kannst morgen nicht auf den Ätna". Ich fragte, weshalb. "Weil dieser Ausflug eine andere Organisation für uns durchführt. Diese verlangen, dass alle gesund sind. Wenn wir dich mitschicken, verstossen wir gegen das Gesetz. Falls es einen Unfall gibt, zahlt die Versicherung nicht und wir werden angezeigt." Ich versuchte zu erklären, was ich in der Schweiz alles mache, wie eben zum Beispiel Skifahren. Ich sagte, dass ich sehr gut versichert sei. Und natürlich sagte ich auch, dass der Lehrer mit mir alles durchgegangen sei und organisiert habe. Aber darauf wollte man nicht hören. Man sagte, es gehe nicht um meine Versicherung, sondern um diejenige der Schule. Und der Lehrer würde dann die Konsequenzen schon noch spüren, weil er mich schon gar nicht hätte aufs Boot mitnehmen dürfen. Ich war geschockt und kämpfte weiter. Schliesslich holten die Büro-Angestellten den Schulleiter und dann sogar den Direktoren, welcher aber nur telefonisch mit mir sprach. Und ja, er sprach und ich hörte. Meine Argumente hörte er sich gar nicht an. Er meinte nur, ich solle nicht aufdringlich sein. Der Entscheid sei gefallen und fertig. Mein Mitschüler, der wortlos daneben stand, schaltete sich dann ein und schlug vor, ein Dokument zu machen und darauf zu schreiben, dass ich jegliche Risiken übernehme. Daraufhin hörte ich den Satz, der mich in meinem Leben wahrscheinlich am meisten erniedrigt hat. "Nein, das geht nicht, weil du ja gar nicht siehst, was du unterschreibst." Nun war meine Schmerzgrenze überschritten. Ich sagte, dass ich dann ja auch nicht auf die Post oder Bank gehen könne. Schliesslich verliess ich enttäuscht, wütend und erniedrigt das Büro. Ich durfte nicht auf den Ätna mit und wohl auch nicht auf die Ausflüge der nächsten Woche, da ja schon eine Schifffahrt für die Schule für mich ein Problem darstellt. Und Schifffahrten sind in einer Küstenregion halt dann doch noch schnell mal auf einem Ausflugsprogramm. Und ich fragte mich auch, was die Organisation wohl unter gesunden Menschen verstand. Denn ja, ich habe eine so genannte Behinderung. Aber sonst bin ich gesund und mache häufig Sport. Ich war also sicher viel fitter als viele der akzeptierten Mitschüler, die auf den Ätna gehen durften.

Nur langsam konnte ich mich während des Nachmittags erholen. Ich rief auch noch meine Sprach-Reise-Agentur an, welche auch noch mit der Schule sprachen und ihr grösstenteils recht gaben. Ausserdem verlangte ich Bestätigungen von der Krankenkasse und den Versicherungen, was aber die Entscheide der Schule auch nicht beeinflussten.

Schliesslich kam es, wie es kommen musste. Viele meiner Studenten gingen auf den Vulkan und ich blieb im Städtchen zurück. Und dennoch hatte ich einen schönen Tag mit einem Mitschüler am wunderbaren Strand und Meer. Und am Mittag schrieb mir ein Mitschüler vom Ätna aus, ob es mir gut gehe. Das freute mich enorm, denn schliesslich kannten wir uns erst seit einer Woche. Und am Abend gaben mir verschiedene Mitschüler sogar noch Lava-Steine, die sie auf dem Vulkan für mich gesammelt haben, weil sie an mich dachten und mit mir mitfühlten.

In den darauffolgenden Tagen erfuhr ich bei Gesprächen, dass das Thema auch in der Schule noch nicht abgeschlossen ist. Es waren viele nicht einverstanden, wie man mit mir umgegangen ist und wie man entschieden hat. Mit der Direktion habe ich das Gespräch gesucht, was aber leider vor Ort nicht geklappt hat. Wir möchten das aber nun noch telefonisch nachholen. Mir ist wichtig zu erfahren, was das genau für ein italienisches Gesetz ist. Denn meine ersten Recherchen zeigen, dass es dieses Gesetz gar nicht gibt. Und ich möchte mit der Schule besprechen, wie ich und sie in einem nächsten solchen Fall handeln können, damit ich bei allen Ausflügen teilnehmen kann. Denn ich besuchte diese Sprachschule nicht nur wegen des Unterrichts, sondern vor allem auch wegen der Ausflüge. Und für mich ist auch wichtig zu betonen, dass die Schule mich in diesem Punkt zwar enttäuscht hat, sonst aber einen extrem genialen Job gemacht hat: Ich erhielt die nötige Unterstützung, die Lehrer waren sehr flexibel und die Wohnung war an einer perfekten Lage. 

Schliesslich zeigte mir diese Erfahrung aber auch auf, dass zu viel Bürokratie oft behindern. Es sind also nicht schlecht-sehende Menschen, die behindert sind. Nein, es sind oft andere Menschen und Organisationen, von denen wir behindert werden. Und vor allem zeigte mir die Erfahrung, dass Bürokratie zwar extrem ausschliessend und frustrierend sein kann. Dafür sind gute Freunde im Leben umso wichtiger und können mich noch stärker aufstellen und motivieren. Und zu guter Letzt realisierte ich, dass das verspätete Gepäck überhaupt kein Problem war im Vergleich mit dieser Erfahrung. Denn beim Gepäck konnte ich selber reagieren und die fehlenden Kleider einkaufen. Aber beim Vulkan war ich definitiv handlungsunfähig. Oder hätte ich selber und alleine auf den Vulkan gehen sollen?

Text: Yves Kilchör