Carte Blanche #70

Kinder an die Macht

Weihnachten, Fest der Liebe und des Friedens, und sein Ladenöffnungskrieg in der Stadt Freiburg, oder 17-jährige Menschen hinter dem Steuer? Welches Thema generiert – kontrovers diskutiert – mehr Feinde/Krieg/Unfrieden? Nahe am Fest der Liebe entscheide ich mich für die kleinere Bevölkerungsgruppe: die 17-Jährigen.

In den Vereinigten Staaten fahren Jugendliche schon mit 16 Jahren im Jeep umher, ganz legal. Es sei Ihnen gegönnt. Ich würde ihnen auch ein Bierchen ab 16 gönnen, was dort drüben dann aber erst ab 21 Jahren möglich ist. Bei uns herrscht bezüglich Alkohol und Autofahren der gutschweizerische Kompromiss: Ab 16 darf gesoffen werden, ab 18 Auto gefahren, dann jedoch mit einer Promillegrenze. Nun will die abtretende Bundesrätin Doris Leuthard noch schnell ein ihr – oder der Autolobby – liebes Geschäft durchdrücken. 17-Jährige dürften damit den Lernfahrausweis beantragen und mit punkt 18 Jahren bereits den Führerausweis bestehen. Sind der Doris die Konsequenzen dieser Verjüngung eigentlich bewusst? Schon jetzt bewegen sich Herr und Frau Schweizer/in quasi im Alleingang in ihrem Personenfahrzeug, wie die Statistiken beim Pendlerverkehr eindrücklich belegen: 1,1 Personen sitzen dabei durchschnittlich im Auto. Wer das nicht glaubt, soll im Berufsverkehr die Probe machen und die Insassen pro Fahrzeug zählen. Meine Zählungen aus Langweile während der Busfahrt in der Stadt Freiburg bestätigen diese Zahlen, gehen sogar noch näher an die Eins.

Wenn nun die 18-Jährigen schon mit 18 Komma Null Jahren eigenständig ein Fahrzeug lenken dürfen, bedeutet dies zwingend, und speziell im Kanton Freiburg gemäss landesweiten Statistiken, noch mehr Fahrzeuge auf den Strassen, noch mehr Staustunden, noch mehr Abgase, noch mehr Lärm, vielleicht auch mehr Unfälle. Vielleicht wäre mit dieser Massnahme aber mein Zug weniger voll, da die Neulenker schon früher im eigenen Fahrzeug zur Arbeit oder in die Schule ziehen könnten. In diesem Sinn plädiere ich deshalb für Zehnjährige am Steuer. Der Verkehr käme dann nämlich vollständig zum Erliegen: weniger Abgase, weniger Lärm und vielleicht ein paar Geläuterte, welche endlich den Sinn des öffentlichen Verkehrs entdecken und ihr Auto zu Hause lassen würden.

Und weil es schon so schön politisch ist, doch noch ein Wort zu den Ladenöffnungen an Maria Himmelfahrt in der Stadt Freiburg: Ganz unabhängig davon, ob man nun für oder gegen offene Geschäfte an katholischen Feiertagen ist, wurde hier eindrücklichst die Absurdität (oder ist es doch Effektivität?) und (Ohn)Macht der verschiedenen Instanzen vors Auge geführt. Zwei Instanzen erteilen ein Ja, eine dritte rekurriert, die vierte erteilt, die fünfte hebt hälftig auf, die sechste rekurriert, um von der vierten in letzter Sekunde Recht zu erhalten bzw. die von der fünften Instanz aufgehobene halbe Bewilligung zurückzuziehen und in eine volle Bewilligung umzuwälzen – das Ganze innerhalb von acht Tagen. Zu viele Instanzen verderben den Brei. Auch hier deshalb: Zehnjährige an die Macht. Die sind meist noch unverdorben.

Mario Corpataux

Gottéron-Blog

Der Abplanasaurus

Laut Gerüchten haben Forscher der Universität Freiburg vor einigen Tagen eine neue Dinosaurier-Spezies entdeckt. Den "Abplanasaurus", benannt nach dem Gottéronspieler Marc Abplanalp.


 
Gäbe es in der Schweiz eine reine Kantonseinbürgerung, stünde Marc Abplanalp ganz oben auf der Warteliste des Kantons Freiburg. Der Gottéron-Verteidiger gehört in der Zwischenzeit nicht nur zum Inventar von Freiburg-Gottéron, sondern ist aus Freiburg gar nicht mehr wegzudenken. Der Grindelwalder spielt seit sage und schreibe 12 Saisons ununterbrochen im Leibchen der Drachen und hat erst kürzlich seinen Vertrag mit Gottéron um eine weitere Saison verlängert. Nicht unerwähnt bleiben darf, dass „Äpli“ bereits in der Saison 2002/2003 sein NLA-Debüt bei den Freiburgern gegeben hat, sich jedoch erst Jahre später wirklich auf dem höchsten Schweizer Eishockeyniveau festgesetzt hat. Nach 12 Jahren am Stück in Freiburg, darf man den gebürtigen Berner Oberländer ruhig als Freiburger bezeichnen.

Mit einem dutzend Dienstjahren auf dem Buckel ist Marc Abplanalp ein Gottéron-Urgestein. Der Abplanasaurus hat in der Zwischenzeit die 600-Spiele-Marke im Gottéron-Trikot erreicht. Damit gehört er zusammen mit Julien Sprunger zu den Gottéron-Sauriern der Gegenwart. Die #2 der Drachen gehört seit Jahren zu den abgebrühtesten und tadellosesten Defensivverteidigern des Schweizer Eishockeys. In der laufenden Saison scheint der 88 kg-Brocken seinen zweiten, vielleicht sogar schon dritten Frühling zu spüren.

Gäbe es einen Wikipedia-Eintrag zum Abplanasaurus, würde dieser in etwa wie folgt lauten:
Abplanasaurus („Gemütsechse“) ist eine Gattung hockeyverrückter Dinosaurier aus dem schönen Grindelwald. Abplanasaurus zählt zu den treusten Gottéronspielern der Erdgeschichte. Zu den anatomischen Merkmalen gehören die starken Arme und zu den mentalen Stärken der unbändige Wille. Der Abplanasaurus hält sich vorwiegend in der Garderobe und auf dem Freiburger Gletscher auf. Als Fleischfresser ernährt er sich hauptsächlich von Bären, Löwen, Tigern und Adlern. Die Brunftzeit des Abplanasaurus reicht jährlich von März bis Mai, je nach Verlauf der Playoffs. Der Abplanasaurus lebt vornehmlich in einer Truppe mit 22-25 Individuen und gilt als ruhiger Zeitgenosse. Rückt man ihm jedoch zu sehr auf den Leib, kann der Äpli-Saurus - wie er unter Kollegen genannt wird - sehr ungemütlich werden.

Lieber Marc, wir wissen, du bist erst 34-jährig und gehörst noch lange nicht zum alten Eisen, verzeih uns also bitte den Dinosaurier-Vergleich. Danke für deine Treue zum Klub, Marc Abplanasaurus Abplanalp.
 

Carte Blanche #69

Über richtiges Dialekt abstimmen

«Siit mù kuuler oder küüler?»

«Natüürlich küüler, dasch kuuler!»

Ich hatte kürzlich wieder eines dieser Richtig-Falsch-Gespräche rund um Senslerdeutsch. Mein Gegenüber sagte: As schyysst mi aa, we meereri Wörter sǜǜ jùscht syy. I has lieber iidütig. Auz wee so vǜü iifacher… Ich hab mich dann gefragt: Was ist im Dialekt oder in einer Sprache richtig, was falsch? Kann es sich auch mal ändern? Und vor allem: Wer entscheidet?

Grad in der direktdemokratischen Schweiz müsste es ganz einfach funktionieren: Die Mehrheit entscheidet. In Politik und Gesellschaft geht alles um die Hälfte plus eins. Wer diese Zahl erreicht, sorgt dafür, dass die Minderheit den Entscheid mitträgt. Mittragen muss.

Wer ist also dafür, dass Anke richtig ist? Wer ist für Butter? Wer hat lieber Hiiti, wer Hǜǜti? Wer will Bääse, wer Bese? Wer will ga riiche, wer ga hole? Wer will am 1. Mai lieber Stäi rüere, wer will Steine schiesse oder wer gar Stiine schmiize? Oder noch extremer: Wer will schlaaffe, wer dormir?

Diejenige Schweizer Region also, welche geburten- und dialektfreundlicher oder wirtschaftlich anziehungskräftiger ist, setzt sich mit demokratischen Grundregeln überall durch.

Deshalb braucht es vor einer Abstimmung genaue Grenzen, wo über was abgestimmt wird. Diese verlaufen jedes Mal anders. Diejenige zwischen Anke und Butter ist nicht gleich wie die zwischen schlaaffe und dormir. Und innerhalb der Grenzen gibt es auch Zugezogene, die nicht abstimmen sollen: Neei dùù, so wyt cheemis no!

Immer dürfen also die richtigen Leute gemeinsam die richtigen Begriffe wählen. Einmal sinds alle Schweizer, dann nur die hier aufgewachsenen Schweizer, dann nur die hier wohnenden Schweizer, dann die Deutschschweizer, dann zum Beispiel die Freiburger, dann die Deutschfreiburger, dann die Sensler, dann die Sensler, die Senslerdeutsch sprechen, dann die, die seit ihrer Geburt Senslerdeutsch sprechen, dann die, die NIE etwas anderes gebraucht haben als Senslerdeutsch. Egal wo und wann, egal mit wem. Nie. Kein Wort… Und vielleicht dürfen manchmal auch die Frauen mitentscheiden. Eventuell.

Auso ùs Seisleri maau «einisch schnäu ga Butter hole»: Adieu merssi, Abstǜmigs- ù Waaurächt! Nur wer 100 Prozent richtig spricht, kann auch mitentscheiden, was richtig ist.

Dann haben wir endlich aufgeräumt und das Deutschschweizer Dialektleben ist endlich einfach, strukturiert und verständlich. Und sprachliche Minderheiten wie Französisch, Italienisch und Rätoromanisch wären auch grad weggeräumt. Ausgerottet. Basta!

 

Und weisst du, zu welchem Ergebnis ich komme, wenn ich das konsequent bis an den Schluss denke? Neei, nit Bärn- oder Züritütsch. Vielmehr Englisch oder Chinesisch.

Dasch piccobello, oder? Die Welt wäre so schön einfach, wenn alle gleich redeten. Niemand müsste sich mehr fragen, ob dieses Sensler Wort nun richtig oder falsch sei.

Okay, see you! Oder muss man das auf höflichere Art sagen?

- Christian Schmutz

Carte Blanche #68

Unterstützung braucht Unterstützung

Es ist beschämend zu sehen, wo der Mensch von heute seine Prioritäten setzt beim
Helfen. Spenden für echt Bedürftige scheint ein No-Go zu sein. Nicht einmal im Bereich
der Verbreitung erhält man breite Unterstützung. Unterstützerinnen und Unterstützer sind
immer die selbe Handvoll Menschen.


Leute, kostet es etwas, einen Beitrag zu liken, oder findet ihr es wirklich nicht wertvoll,
wenn Hilfe geleistet wird?
Einfach unglaublich, aber einen Beitrag weiter oben schreiben zig Leute "Nase" in einen
Beitrag, der wohlmerklich ein Rätsel war, mit der Auflösung "Nase". Aber nur der erste, der
es herausfand kriegt einen kleinen Preis! Trotzdem schreiben aktuell immer noch
Menschen "Nase" darunter (bisher 25!!!!)! WTF! Diese Leute sollten sich echt mal an der
Nase nehmen.


Für eine echte regionale Hilfsorganisation lagen bisher 9 Likes in der selben Gruppe drin,
wow!


Einfach abartig und beschämend.


Das Selbe stellt man fest, bei Veröffentlichungen von Künstlern und Bands usw. Kaum
Resonanz. Postet man einen Sonnenuntergang oder einen Teller Spaghetti kriegt man
locker über 100 Likes...


Dabei sind es genau die Anzahl Likes und Anzahl Follower, die für Verlage, Vetriebe,
Labels, Veranstalter, Radios, Zeitschriften usw. massgebend sind im Umgang mit den
Künstlern. Haben diese breite Unterstützung, kriegen sie dadurch auch eher
Unterstützung dieser "Partner".


Es muss schon sehr grosse Schmerzen verursachen, hier Hand zu bieten.
Im Bereich Spenden, das selbe Desaster...
Jeder Franken ist zuviel...


In diesem Sinne tausend Dank den ewig selben Unterstützerinnen und Unterstützern und
den anderen weiterhin viel Spass beim Nichtunterstützen...

- David Aebischer

Carte Blanche #67

Freiburger in Bern – gut oder schlecht?

Allein in der Stadt Bern arbeiten also 10'000 Freiburger (siehe Berner Zeitung vom 28.7.18). Wer morgens um 7 Uhr in Freiburg den IC nach Bern nimmt oder auf der Autobahn in Richtung Bern unterwegs ist, kann von dieser Zahl nicht überrascht sein.

Gerne würde man über diese Leute mehr erfahren. Sind das eher Welsche, Sensler, Murtenbieter oder Berner, die im Freiburgerland (günstiger oder steueroptimierter oder regionverliebter oder auch mondäner über dem Murtensee) gebaut haben? Wohl von allen Gruppen genug.

Natürlich, für welsche Bundesangestellte ist Freiburg perfekt. Sie und ihre Familie können vollkommen welsch weiterleben – nur gut 20 Pendlerminuten von Bundesbern entfernt. Diese Gruppe ist sicher nicht zu unterschätzen. Der angesprochene, übervolle 7-Uhr-Zug ist sehr welsch geprägt.

Und die zugezogenen Berner haben ihr Netz und ihre beruflichen Stossrichtungen halt behalten. Von Murten oder Kerzers, Wünnewil oder Bösingen ist man oft rascher in Bern als von Burgdorf, Biel oder Thun aus. Ein Freiburger Wohnsitz ist also nichts als logisch.

Im BZ-Artikel wird nun geklagt, dass diese Pendler in Bern keine Steuern bezahlen, ergo profitieren. Ihre Arbeitgeber aber zahlen Steuern und Taxen. Das hilft den Berner Gemeinden.

Die Freiburger Pendler sind oft überdurchschnittlich ausgebildet und sorgen mit dafür, dass diese Berner Firmen oder Filialen oder Verwaltungen vorankommen. Da geht jeden Tag viel Knowhow über die Sense.

Nicht Bern müsste sich wehren, sondern Freiburg viel mehr dafür tun, dass es für gut ausgebildete Deutschfreiburger auch attraktive Arbeitsplätze anbietet. Wer nicht perfekt französisch kann oder sich nicht mit einer welschen Firmenkultur auseinandersetzen will, der findet ganz in der Nähe – in Bern – tipptoppe Alternativen. Und erst noch solche, die gut ausgebildete Deutschfreiburger mit Handkuss nehmen. Auch Senslerdeutsch ist längst kein Hindernis mehr: Das ist für viele Berner mittlerweile Alltag.

Die Türen sind offen und Freiburg – Französisch- und Deutschsprachige gemeinsam – schaut in die Röhre. Wenn wir nicht aufpassen, sind wir bald provinzieller Schlafkanton.

- Christian Schmutz