Im Schatten der Linde von David Bielmann

Zum ersten Mal hörte ich von Christina Aeby, als ich ein kleiner Junge war: Eine Frau soll einst ermordet worden sein, in Rechthalten, in meinem Dorf, gar nicht weit vom Haus entfernt, in dem ich wohnte.

Das besorgte mich. Bis dahin hatte ich geglaubt, dass Morde nur anderswo geschehen, nur in Filmen und in Zeitungen, nur draussen in der weiten Welt, nicht bei uns, auf dem friedlichen Land. Ich beruhigte mich damit, dass der Mord an Christina Aeby schon unendlich lange zurücklag und ich nun in einer Zeit lebte, in der es bei uns keine Gewaltverbrechen mehr gab.

Ich erinnere mich an einen Jubla-Anlass, an dem wir uns nach Sonnenuntergang zum Tatort begaben. An diesem unheilvollen Ort erzählte einer der Leiter im Kerzenlicht die schreckliche Geschichte, bestrebt, uns Kindern so viel Angst wie möglich einzujagen. Es gelang. Wie erleichtert ich war, als wir danach alle heil wieder im Dorf ankamen und einen beruhigenden Becher Tee erhielten.

Einige Jahre später spielte ich an einem Unihockey-Turnier in Giffers. Ich war inzwischen ein Mann geworden, jedenfalls auf dem Papier, und ich hatte Getränke für mich entdeckt, die eine noch viel beruhigendere Wirkung erzielten als Tee. Überschwänglich feierten wir unsere Siege – oder waren es die Niederlagen, die wir ertränkten? Morgens um drei Uhr, als ich sämtliche Mitfahrmöglichkeiten ausgeschlagen hatte, fasste ich einen tollkühnen Entschluss: Ich wollte von Giffers nach Rechthalten marschieren, und zwar nicht der Strasse entlang, sondern durch jene finstere Gegend, die damals Christina Aeby in ihrer letzten Stunde durchstreift hatte. Furchtlos zog ich los, der Hockeystock in meinen Händen verlieh mir eine gewisse Sicherheit. Aber schon kurz nach dem Pistolenstand von Giffers, wo es keine Lichter mehr gab, verirrte ich mich. Ich hatte den Fussweg verlassen, stapfte über die dunklen Wiesen, stach hinein in den Wald, fand wieder heraus. 

Endlich erreichte ich den Weg, den Christina Aeby genommen hatte und der nach Rechthalten führte. Das Dorf schlief, alles war still und dunkel. Als ich zum Gedenkstein am Tatort kam, bemühte ich mich, eine Weile stehenzubleiben. Ich hielt mich nachts allein an der Stätte des Grauens auf! Es hätte unheimlich sein können, doch nichts geschah. Ich hatte weder Herzklopfen noch Gänsehaut. Christina Aeby war tot, und alles, was an sie erinnerte, war ein kalter Stein im Gras.

Melancholisch wurde ich erst, nachdem ich den Stein hinter mir gelassen hatte und auf das Dorf zuschritt. Und in einem Anflug von Übermut wünschte ich mir, ein grosser Schriftsteller zu sein, um Christina Aeby zurückzuholen, deren Leben mit einundzwanzig Jahren ein tragisches Ende fand.

Text: David Bielmann

Verlosung

Wir verlosen eine Ausgabe des Buchs im Schatten der Linde von David Bielmann.

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